Dezember 2025

Lametta, oder warum Frauenschuhe am Heiligen Abend gefährlich leben

Es war einmal ein kleines Mädchen, es ist schon ziemlich lange her, fast ein halbes Jahrhundert. Diesem Mädchen erzählten ihre Eltern immer Geschichten von Feen und Hexen, von Geißlein und Wölfen und die schönste immer an Weihnachten: Vom Christkinderl, das für alle Kinder Packerl und Platzerl bringt.

Am Heiligen Abend haben meine Eltern den Christbaum geschmückt. Mit roten glänzenden Kugeln aus Glas und golden angemalten Kiefernzapfen. Und am wichtigsten, mit ganz viel silbernen Lamettafäden, die man dann die ganzen Feiertage vom Baum zupfen und überall in der Wohnung verteilen konnte.

Staunend standen meine Schwester und ich vor dem im Kerzenlicht schimmernden Baum und während alle „Stille Nacht, heilige Nacht“ sangen, musterten wir heimlich die Gaben unter dem Baum. Aber noch bevor wir den neuen Teddybären oder den Schlafanzug von der Oma näher begutachten konnten, zeigte meine Mutter auf das Fenster im Esszimmer, das einen Spalt offenstand und sagte: „Schauts, da is aussegflogn, as Christkindl“. Auf dem Fensterbrett lag eine goldlackierte Walnuss und … ein besonders langer silberner funkelnder Lamettafaden.

Als ich dann selbst Mama wurde, wollte ich meine Kinder auch in diese kleine heile Weihnachtswunderwelt einhüllen. Nun wurde uns jungen Müttern aber erzählt, dass man seine Kinder auf keinen Fall anlügen darf, und so alte Geschichten vom Christkinderl und Osterhasen wären nicht gut für das Urvertrauen der Kinder. Natürlich sollen Kinder mit den Wirklichkeiten des Lebens konfrontiert werden. Man kann Putzi den Familienhasen nicht einfach durch ein neues Exemplar ersetzten, wenn seine Zeit im Kaninchenhimmel gekommen ist, aber Kinder sollten auch unbeschwert und in einer sogenannten heilen Welt leben dürfen. Also gab es bei uns, wie früher, einen Christbaum mit Kugeln, Selbstgebasteltes aus dem Kindergarten und Holzengerln. Und trotz aller Vorwürfe altmodisch und nicht umweltfreundlich zu sein, verteilt mein Mann fein säuberlich jede Menge Lametta auf den Zweigen, das wir jedes Jahr zwei Wochen später Faden für Faden wieder vom Baum zupfen und gepresst ein ganzes Jahr aufheben. Das Problem mit dem Weihnachtsmann aus dem Fernsehen lösten wir global. In Europa kommt das Christkind und im fernen Amerika bringt der Weihnachtsmann die Geschenke. Arbeitsteilung halt.

In jenem Jahr, von dem ich erzähle, öffnete ich das Wohnzimmerfenster und drapierte einen Lamettafaden auf dem Fensterbrett und mit einem sentimentalen Blick auf den hell erleuchteten Baum schloss ich die Tür, um im Kinderzimmer mit meiner Familie „aufs Christkind zu warten“. Wir lasen zusammen die Geschichte von Jesu Geburt, um den Kleinen den wahren Sinn von Weihnachten nahe zu bringen und mitten in die friedliche Stimmung brach sich ein Trotzanfall unserer Tochter die Bahn. Wir wissen nicht mehr, was ihren Zorn entfachte, nur noch, dass, da wir ja doch moderne Eltern waren, ein ziemlich anstrengendes und etwa zwei Stunden dauerndes Erziehungsgespräch erforderlich war, um den Weihnachtsabend zu retten. Als wir schließlich noch etwas verschnupft aber wieder versöhnt ins Wohnzimmer zur Bescherung schritten, mussten wir feststellen, dass meine wertvollste Orchidee, ein Frauenschuh, in der eisigen Zugluft des geöffneten Fensters erfroren war.

Jahre später hat mir meine Tochter von ihrem ersten selbstverdienten Geld genauso einen Frauenschuh zu Weihnachten geschenkt. Sie war mir auch behilflich, die Weihnachtsillusion für ihren kleinen Bruder lange Zeit aufrecht zu erhalten. Gemeinsam erzählten wir ihm die Geschichten vom Nikolaus, vom Krampus und vom Christkinderl. Eines Tages fragte ich meine Tochter, ob sie ihrem Bruder vielleicht doch mal „Wahrheit“ verraten könnte, weil ich es etwas besorgniserregend fand, dass er in der zweiten Klasse noch immer ans Christkind glaubt. Sie lachte und erzählte mir, dass ihr kleiner Bruder sie bereits im letzten Jahr beim Lametta aufhängen aufgeklärt hatte:“ Ich weiß schon, dass Mama und Papa das Christkind sind, aber sags der Mama nicht, sie freut sich immer so.“

Man sagt immer, dass man alles, was man seinen Kindern gibt, irgendwann von ihnen zurückbekommt. Meine Kinder gaben mir ein kleines Stück silbern funkelnde heile Weihnachtswelt und einen erfrorenen Frauenschuh zurück.

Ich wünsche euch ein friedvolles Weihnachtsfest.

Servus  

eure   Gitti    

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